Angelo Serpa kommt aus Brasilien und ist Professor an der Bundesuniversität Bahias (Universidade Federal da Bahia). Zur Zeit ist er Gastwissenschaftler (Post-Doktorand) im Geographischen Institut an der Berliner Humboldt-Universität.
J: Herr Serpa, Sie beschäftigen sich bereits seit einigen Jahren wissenschaftlich mit Kommunikationsmedien, die von einer lokalen Community selbst verwaltet und betrieben werden. Was ist das besondere an diesem Prinzip und welche Projekte haben Sie bereits untersucht?
AS: Wir haben im Jahr 2005 in Salvador da Bahia, Brasilien, diese Forschung über lokalbezogene Medieninitiativen angefangen. Salvador ist eine 3 Millionen Einwohner Metropole, wo es grosse soziale Unterschiede gibt, die in der Stadtlandschaft sehr ausgeprägt sind. Einerseits gibt es einige reiche Viertel, die sehr gut mit Infrastruktur versorgt sind, andererseits Viertel, die „arm“ sind, wo keine gute Infrastruktur vorhanden ist. Es herrscht Stadtsegregation und gibt viele Vorurteile gegen die „armen“ Viertel: sie seien gefährlich, dort gäbe es nichts ausser Kriminalität und Drogenhandel. Aber gerade in diesen Vierteln leben viele Künstler, die zum Beispiel den Karneval von Salvador, das grösste Strassenfest Brasiliens, mit ihrer Kunst, mit ihrem Tanz, ihrer Musik sozusagen „ernähren“. Ich spreche hier von Leuten, die die Armut zum künstlerischen Reichtum im Alltag umwandeln. Es sind diese Leute, die in diesen Vierteln „Community Radios“ machen, Radios, die nicht kommerziell sind und keine öffentliche Unterstützung bekommen. Meistens hört man diese Radios einfach direkt per Lautsprecher auf der Strasse, obwohl einige von ihnen auch richtig über eine eigene Frequenz senden.
Andere Initiativen beschäftigen sich mit der Herstellung von Inhalten für Homepages, die die Vorurteile gegen ihre Viertel abbauen wollen. Das besondere an solchen Initiativen ist die Tatsache, dass sie überhaupt existieren, in einem Kontext, wo der Zugang zur Technik, zur Technologie, derart begrenzt ist, dass es im Alltag schon eine Menge Kreativität und Mühe von diesen Leuten abverlangt.
J: Welche Möglichkeiten sehen Sie im Umgang mit diesen Do-It-Yourself betriebenen Medien für die Menschen, die sie betreiben und die jeweilige lokale Community?
AS: Das ist eben die Möglichkeit, Inhalte für Radios und Internet selbst herzustellen. Inhalte und Programme, die mehr mit dem Alltag dieser Viertel, diesen Bezirken zu tun haben. Das kann auch mehr Autonomie für diese Gruppen und Initiativen bedeuten, indem sie sich die Medien auf lokaler Ebene aktiv aneignen und die Inhalte von Radiosendungen und Homepages selbst bestimmen. Natürlich hängt der Erfolg solcher Initiativen sehr stark von den vorhandenen technischen Kentnissen und Möglichkeiten ab. Eigentlich lernen diese Leute den Umgang mit der Technologie in ihrem Alltag, indem sie nämlich selbst die alltäglichen Problemen damit und mit dem generellen Mangel an Infrastruktur in diesen Vierteln und Bezirken zu lösen versuchen. Gleichzeitig wird durch solche Initiativen auch versucht, die Isoliertheit dieser Viertel zu durchbrechen. Diese Do-it-yourself-Medieninitiativen und -gruppen sind in Brasilien für viele Menschen ein Fenster zur Welt.
J: Hier in Deutschland interessieren Sie sich gerade auch für freifunk.net. Was ist aus Ihrer Sicht das besondere an diesem drahtlosen Community-Netzwerk "Made in Germany"?
AS: Ich sehe freifunk.net als eine politische Medieninitiative, obwohl es sehr viel mit Technik zu tun hat. Ein dezentralisiertes Netz, das von den Nutzern selbst betrieben wird, das ist ohne Zweifel sehr geeignet, um die Medienkompetenz der Teilnehmer zu erhöhen. Andererseits verlangt Freifunk von den Teilnehmern in Kontakt mit ihrer Umgebung, mit den Nachbarn zu treten, was heutzutage fast „subversiv“ klingt. Das heisst, in diesem Kontext fördert die Technik, die Technologie, die Begegnung, das Treffen von Menschen, um etwas Kollektives auf die Beine zu stellen. In Berlin, scheint das Freifunk-Netz in einigen Bezirken wie Friedrichshain sehr gut zu funktionieren. Die Herausforderung ist, in anderen Bezirken, wo DSL bereits sehr verbreitet ist, das Freifunk-Netz zu etablieren.
J: Sie möchten gerne auch in Brasilien in den ärmeren Stadtvierteln freifunk-Initiativen starten. Welche Chancen sehen Sie darin? Warum ist gerade freifunk.net aus Ihrer Sicht dafür so geeignet?
AS: Aus meiner Sicht muss man in solchen Vierteln zunächst von den Kenntnissen der Einwohner ausgehen. In diesem Fall müsste man also Partnerschaften in den Vierteln suchen und versuchen mit den Leuten vor Ort zusammen zu arbeiten, die irgendwie fähig dazu sind, andere Einwohner zu mobilisieren und sich an dem Projekt zu beteiligen. Gleichzeitig muss man sich auch Gedanken machen, wie mehr Zugang zum Netz geschaffen werden kann, vor allem dort, wo es sehr wenige Computer gibt. Vielleicht sollte man zusammen mit den Internet Cafes, die in diesen Vierteln schon vorhanden sind, arbeiten, aber gleichzeitig auch neue Computer kaufen und in bestimmten Teilen des Viertels verteilen. Oder, nach einer Idee von Frieder Bronner, von Openmedia hier aus Berlin, eine eigene Computerfabrik aufbauen, damit die Einwohner des Viertels selbst die Computer zussamensetzen. Das wäre vielleicht sinnvoller als alte Computer wieder aufzubereiten - vielleicht auch billiger. In jedem Fall könnte sich dadurch die Situation für die Menschen im Viertel in einigen Bereichen sehr verbessern.
J: Sie kommen aus Brasilien und leben aber gerade für einige Zeit in Berlin. Was denken Sie darüber, dass die Stadt Berlin schon seit einiger Zeit versucht, das Thema "Offenes WLAN für Berlin" an einen kommerziellen Provider abzugeben und dabei die Idee von freifunk.net als lokale Initiative und vor allem als "Kooperatives Modell" bisher völlig ingnoriert wurde?
AS: Ich finde das schade. Es ist schade, dass all die Erfahrungen, die die Leute hier mit Freifunk in den letzten Jahren gemacht haben, nicht von der Stadt Berlin berücksichtigt werden. Aber es ist auch verständlich, dass so etwas wie ein dezentralisiertes Netz, ein nichtkommerzielles Netz, ohne Hierarchie, mit einiger Skepsis von Seiten der Stadtregierung angesehen wird. Das ist überall so, auch in Salvador und anderen Städten Brasiliens. Solche Sachen machen den Stadtregierungen Angst, vielleicht weil solche Initiativen nur schwer unter „soziale Kontrolle“ zu bringen sind. Es ist schade, weil gerade eine Initiative wie Freifunk die Medienkompetenz der Teilnehmer erhöhen könnte und mehr Autonomie in der Stadt schaffen würde.
J: Halten Sie freifunk.net für einen geeigneten Weg, um in einer Art Public-Private-Partnership das Netzwerk auch in die strukturschwacheren Gegenden der Stadt zu bringen, wo es eigentlich am dringensten gebraucht würde?
AS: Sicher, aber hier müsste man die Stadtregierung davon überzeugen, dass ein nicht hierarchisches Netz, in dem die Leute selbst die Funktionsweise des Netzes bestimmen und auch selbst dafür verantwortlich sind, welche Inhalte und Erfahrungen sie darüber austauschen wollen, ein geeigneter Weg zur Erhohung der Medienkompetenz ist. Andererseits ist es meiner Meinung nach sehr schwierig, dass eine solche Idee ein positives Echo unter den Politikern findet. Ich frage mich auch, ob es wirklich der beste Weg wäre, mit Stadtregierungen zusammen zu arbeiten. Vielleicht gibt es auch andere Wege, ein solches Netz aufzubauen, zum Beispiel NGOs als Partner zu haben.
J: Herr Serpa, Ich danke Ihnen für dieses sehr interessante Gespräch.
Sebastian Büttrich ist Mitbegründer von wire.less.dk, einer Technologie & Entwiklungshilfe-Organisation, die nach dem Prinzip der "Hilfe zur Selbshilfe" vor allem in Afrika und Asien Workshops organisiert, und die Menschen vor Ort dabei unterstützt, sich Ihre eigenen Wireless Community Netze zu bauen und zu betreiben.
J: Hallo Sebastian, Du arbeitest bereits seit über zehn Jahren im Bereich "ICT for Development" und hast als Trainer schon in vielen Orten der Welt Menschen dabei geholfen, sich ihre eigenen drahtlosen Netzwerke aufzubauen. Gerade erst kürzlich wurde das erste Wireless Community Netz in Tansania eingeweiht. Bereits seit mehreren Jahren setzt du dabei auf die von der Freifunk-Community entwicklete und auf OpenWRT basierende Freifunk-Firmware. Was ist für dich das besondere an unserer Firmware und was unterschiedet sie und unser Meshing-Modell aus Deiner Sicht von kommerziellen Systemen?S: Für uns sind drei Punkte wichtig:
J: In welchen Ländern hast du bereits gearbeitet und Community-Netze aufgebaut, die auf der Freifunk-Firmware basieren?
S: Da ist zum einen das Shared Community Mesh in Tanzania, rund um das Sengerema Telecenter. Es ist ein Initiative des Tanzania Telecenter Network, gefördert vom niederländischen IICD, und installiert von der "Lake Zone Wireless Expert Group". (http://www.iicd.org/articles/launch-of-wireless-internet-in-sengerema-ta...)
Bemerkenswert ist hier übrigens, das man sich um ein tragfähiges Modell jenseits der Abhängigkeit von "Entwicklungshilfe" bemüht: die Netz-Teilnehmer zahlen alle einen monatlichen Beitrag und helfen so, die (teure) Internetverbindung via Satellit zu finanzieren. "Frei" im Sinne einer Geisteshaltung kann also durchaus auch "nicht gratis" bedeuten. Und das ist in vielen Fällen in afrikanischen Ländern auch notwendig - der Luxus von spottbilligen DSL Anschlüssen als Weg ins Internet, der fehlt einfach - noch. Unter den ersten Teilnehmern sind unter anderem ein örtliches Zentrum für Körperbehinderte, Regierungsbüros, Schulen, aber auch private Hotels und Geschäfte.
In Ghana setzt die One Village Foundation im Winneba Open Digital Village gleichfalls die Freifunk Firmware ein.
* http://www.wireless-africa.org/projects/GH_onevillage
* http://www.onevillagefoundation.org/ovf/
* http://www.wodiv.opendigitalvillage.net/index.php?title=Main_Page
Ein anders Partnerprojekt der Wireless Africa Initiative (an der wir, wire.less.dk, als Konsortiumspartner beteilgt sind), LinkNet in Zambia, baut auch derzeit Freifunk Netze auf. (http://link.net.zm/)
Einer der besten Guides zum Thema Freifunk ist das Resultat der hervorragenden Arbeit am Meraka Institut (ein Teil des staatlichen Council for Scientific and Industrial Research CSIR) in Südafrika. (http://wirelessafrica.meraka.org.za/wiki/index.php/DIY_Mesh_Guide)
Eines der ersten Mesh Netzwerke dort war jenes im Peebles Valley, wo die ersten Nodes unter anderem eine HIV/AIDS Klinik und deren Personal vernetzen.
Auch das fantastische Projekt "Mesh Potato" - offene hardware für Community Internet Telefonie - würde wohl ohne Freifunk nicht existieren. (http://www.villagetelco.org)
Ich bin sicher, es gibt noch viele andere Projekte, von denen wir noch nicht gehört haben.
J: Was würdest Du Dir in der Zukunft noch an technischer Weiterentwicklung in Sachen Freifunk-Firmware wünschen?
Die grössten Herausforderungen derzeit für alle die Netzwerke, die wir kennen, sind: Netzwerk Monitoring und Management, Bandbreiten Management (Quality of Service) und Billing. Fortschritt in diesen Bereichen wäre enorm wichtig. Viele Initiativen - und übrigens auch kommerzielle Hardware-Firmen - versuchen, hier weiterzukommen, jedoch bis jetzt ohne grossen Erfolg. Wir schliessen uns da gerne selbst mit ein.
Einige dieser Elemente, z.B. Billing/Zahlungsabwicklung sind in den europäischen Communities weniger wichtig und derzeit etwas vernachlässigt. Umso wichtiger ist es, dass wir langsam lernen, global zu denken und zu arbeiten. Das wichtigste ist, dass wir mit Projekten/Produkten wie Freifunk Firmware eine Ausgangsbasis für solch gemeinsames Arbeiten haben.
S: Nun verfolge ich die Situation in Berlin nicht mehr so genau, aber bisher sind weltweit, soweit ich weiss, noch alle Versuche, echte flächendeckende Netze mit einem eizigen komemrziellen Anbieter zu schaffen, gescheitert
Bedenkenswert finde ich in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass die erfolgreichsten Nationen und Regionen in den "neuen" digitalen Märkten genau jene sind, die Internet-Infrastruktur als eine notwendige öffentliche Infrastruktur - genau wie Strassen und Ausbildung - begriffen haben und sie genau deshalb NICHT alleine dem freien Markt ûberlassen. Also eine Absage an den freien Markt, genau um Konkurrenzfähigkeit am Markt zu sichern.
Aber unabhängig davon, ob unsere Motivationen eher marktorientiert oder sozialorientiert oder beides sind: wenn ich in meiner Wohnung je nach Tageszeit etwa 30-80 verschiedene private drahtlose Netze, alle fein "gesichert" (und um Bandbreite konkurrierend!), empfangen kann - dann ist es höchste Zeit, dass wir lernen, Energie und Technik etwas kollektiver zu nutzen. Hier könnte man ohne grosse Investitionen in einer Public-Private-Partnership vorankommen - und so dem Modewort "Green/Clean IT" mal etwas leben einhauchen.
Auch das ist ein Aspekt von Community Networking. Also, kleine Solar Mesh Nodes auf alle Dächer und an alle Parkuhren - und dann gerne mit Freifunk Firmware!
Ich wende mich an alle freifunkerInnen, weil gerade ein Thema aufpoppt, welches netzpolitisch sehr, sehr wichtig ist. Ihr wisst ja alle was freifunk.net ist und wie es funktioniert. Viele Dörfer und Gemeinden haben sich mangels Alternativen und dank freifunk.net oder ähnlicher Initiativen mittlerweile selbst an die Informationsgesellschaft angeschlossen.
Größtes Handycap ist, dass die verwendete Funkfrequenz (2,4 und 5 GHz) jedoch eigentlich nicht oder nur schlecht für diesen Zweck geeignet ist. Seit Jahren fordern deshalb Netzaktivisten aus der ganzen Welt, dass noch weitere Funkfrequenzen delizensiert und für die öffentliche Nutzung freigegeben werden sollen. Eine der wichtigsten Frequenzen ist dabei das 800 MHz Band, also das ehemalige analoge TV.
Nun soll ausgerechnet diese Frequenz auf dem üblichen Weg versteigert werden, statt für die öffentliche und lizenzfreie Nutzung freigegeben zu werden [1]. Damit wird sie aber den selben Firmen und der selben Logik Preis gegeben, die nachweislich nicht taugt, um das eigentliche Problem zu lösen. Denn gering besiedelte Gebiete sind "areas of market failure!". Das bedeutet, es lohnt sich nicht, sie kommerziell zu erschliessen.
Bereits mit WiMAX (ebenfalls Funk) und UMTS wurde uns versprochen, dass dieses Problem nun gelöst werden soll. Jedoch ist das längst keine Frage mehr der Technologie, sondern eines der Marktgesetze. Man kann diese Problem nicht kommerziell lösen. Das sieht jetzt sogar die CSU ein - siehe [2].
Wir müssen deshalb etwas unternehmen, damit das 800 MHz Band nicht versteigert, sondern delizensiert und wie WLAN für die öffentliche, lizenzfreie Nuzung freigegeben wird. Let's go public!
[1] http://www.heise.de/netze/news/meldung/134658
[2] http://www.heise.de/newsticker/Der-Breitband-Flop-Bayern-lahmt-beim-schn...
JuergeN
WOS4 am 15.09.2006 - Ins
Internet von überall -- und das umsonst? Seit der Freigabe des so
genannten ISM-Bands zur öffentlichen, lizenz- und registrierungsfreien
Nutzung gibt es überall in der Republik eine wachsende Anzahl offener
WLAN-Accesspoints. Schon heute gelangt man in vielen Cafes und auf
öffentlichen Plätzen kostenlos und ohne weitere Zugangshürden per
wireless LAN (WLAN) ins Internet. Die WLAN-Technik bietet alle Chancen
dazu, in naher Zukunft in den Städten und Dörfern flächendeckend ins
Internet zu gelangen. Dazu müssten möglichst viele Privatpersonen ihre
Internet-Zugänge für alle öffnen. Diese Idee wird unter anderen von der
Initiative freifunk.net vorangetrieben.
Auch heute schon ist die
"digitale Nachbarschaftshilfe" eine sinnvolle Maßnahme zum Abbau der
"digitalen Spaltung". So gibt es in einigen Stadtteilen Berlins und in
vielen Regionen der neuen Bundesländer noch kein flächendeckendes DSL.
Privatpersonen, die ihren WLAN-Zugang öffentlich machen, können so
helfen, dass möglichst viele Menschen kostengünstig bzw. kostenlos ins
Internet kommen. Die Anzahl derer, die dabei ihren eigenen
Internetzugang anderen zur Verfügung stellen, steigt stetig.
Sowohl
die kurzfristige Sicherung der Internetversorgung durch digitale
Nachbarschaftshilfe als auch die Vision eines allgegenwärtigen, frei
verfügbaren Netzes sind jetzt allerdings hochgradig gefährdet. Während
in anderen Ländern ganze Städte und Kommunen derzeit offene Netze
aufbauen, besteht in Deutschland die Gefahr, auf lange Zeit an
kommerzielle Anbieter gefesselt zu sein und damit den Anschluss an das
Informationszeitalter zu verpassen. Besonders problematisch ist hier
ein Urteil, dass das Landgericht Hamburg kürzlich gefällt hat (AZ 308 O
407 / 06): Einer Frau, die ihren Accesspoint für die öffentliche
Nutzung freigegeben hat, wurde eine Mitschuld zugesprochen, da Dritte
über ihren Zugang Musikdateien getauscht hatten. In der Konsequenz
bringt dieses Urteil alle, die ihren WLAN-Zugang anderen öffentlich zur
Verfügung, in eine rechtliche Grauzone. Wer seinen Zugang nicht
zumacht, kann jederzeit zum "Mittäter" werden -- ohne Rücksicht darauf,
dass eigentlich zwischen Infrastruktur und Inhaltsangebot unterschieden
werden müsste. Wer seinen Zugang wie vom Gericht gefordert
verschlüsselt -- was auch keinen hundertprozentigen Schutz gegen einen
eventuellen Missbrauch der im Handel befindlichen Geräte gibt -- macht
eine öffentliche Nutzung unmöglich. Und auch eine etwaige Registrierung
der User ist weder wünschenswert, noch technisch zumutbar, noch
wirklich sicher.
Damit bewirkt dieses Urteil eine erhebliche
Verunsicherung der hiesigen Bevölkerung. Wenn der Betrieb eines offenen
Accesspoints dazu führen kann, dass der Besitzer mit einer Abmahnung
oder Anzeige der Musikindustrie rechnen muss, dann ist das Projekt
eines sozialen, frei verfügbaren Netzzugangs in Deutschland
gescheitert. Digitale Nachbarschaftshilfe darf es dann nicht mehr geben.
Freie
Netzwerke müssen bleiben, wenn Deutschland nicht den Anschluss an das
Informationszeitalter verpassen möchte. Insbesondere wenn es um die
"digitale Spaltung", um sozial schwächer gestellte Menschen und dünn
besiedelte Regionen geht, reicht es nicht aus, diese Aufgabe
kommerziellen Anbietern von Internetzugängen zu überlassen.
Wir fordern deswegen:
* Eine rechtssichere Klärung der Angelegenheit -- notfalls auch durch
eine Änderung des Gesetzesgrundlage --, die den besonderen Status
nicht-kommerzieller Diensteanbieter berücksichtigt und es auch in
Zukunft ermöglicht, den eigenen WLAN-Zugang öffentlich zugänglich zu
machen,
* die unbedingte Umsetzung der bereits in § 6 TDG
und § 7 MDStV enthaltenen Gesetzestexte: "Diensteanbieter sind für
fremde Informationen, die sie in einem Kommunikationsnetz übermitteln
oder zu denen sie den Zugang zur Nutzung vermitteln, nicht
verantwortlich [sofern sie die Übermittlung nicht selbst veranlasst
haben usw.]."
* die Öffnung zusätzlicher Frequenzbänder für die öffentliche und lizenzfreie Nutzung zur Erhöhung der Bandbreite, Vergrößerung der Reichweite und Entfaltung von mehr Innovation,
* sowie die politische Unterstützung entsprechender Vernetzungsinitiativen wie freifunk.net.
Oder kurz gesagt: offene Netzwerke auch für Deutschland!
Erstunterstützer:
* Jürgen Neumann, freifunk.net
* Markus Beckedahl, Netzwerk Neue Medien / netzpolitik.org
* Volker Grassmuck, Wizards of OS
* Bob Horvitz, Stichting Open Spectrum
* Armin Medosch, Autor
* Malcolm J. Matson, The OPLAN Foundation
Betrifft: heise-online, Unverschlüsseltes WLAN hat Folgen
Woche
für Woche treffe ich auf Menschen, die keinen Zugang zum Internet
haben. Das hat im Wesentlichen zwei Gründe: entweder gibt es dort kein
DSL oder sie können sich keinen eigenen Internetzugang leisten. Dank
WLAN, Linux und z.B. OLSR ist es möglich geworden, den Betroffenen zu
helfen. Wie, das ist Inhalt dieser Webseite und aller Aktivitäten von
freifunk.net.
Wer unserem Vorschlag folgend anderen seinen
Internetzugang zur Verfügung stellt, tut dies nicht, um die
Kriminalität zu fördern, sondern um konkret im lokalen Umfeld etwas
gegen die sogenannte digitale Spaltung zu unternehmen, um Menschen in
der Nachbarschaft einen Zugang zum Internet anzubieten,
Solche
offenen Netze können aber misbraucht werden, das liegt in der Natur der
Sache, Entweder ist ein Netz offen, also für andere auch anonym
zuganglich und in jeder Weise nutzbar, oder es ist es nicht, und damit
geschlossen, also nicht zugänglich.
Pseudosicherheit wie WEP bietet keinen Schutz, da der schwache Schlüssel
einfach geknackt werden kann. Und eine HOTSPOT-mäßige Registrierung der
User schützt nicht vor wirklich Kriminellen, die jederzeit die MAC-Adresse
und damit den Account eines anderen benutzen können.
Selbsternannte Hilfssheriffs, die die Datenpakete der Nachbarschaft
nach illegalen Inhalten durchsuchen und von der perfekten Firewall
träumen sind auch weder gewünscht (Datenschutz!) noch wirklich
erfolgreich, denn jedes gute Päckchen kann schließlich doch ein
schlechtes Päckchen sein (bei wirklich Kriminellen!).
Mehr Sicherheit kann es nur ohne Anonymität und mit derzeit erheblich teurerem technischem Aufwand geben, Doch das wollen wir bitte nicht!
Man soll auch in Zukunft seine Meinung sagen dürfen, ohne vorher seinen
Ausweis zeigen zu müssen und man sollte Zugang zu Wissen, Information
und Kommunikation haben, auch wenn man zu den weniger gut Betuchten
unter uns gehört.
Statt seine Zeit damit zu verschwenden oben
gesagtes immer wieder neu zu diskutieren sollte man lieber etwas
dagegen unternehmen, dass ein Gericht, wie hier in diesem Fall das
Landericht Hamburg, die Interessen der Musikindustrie verteitigt, statt
die Belange seines Volkes,
Wer heute kein Internet hat, dem
fehlt der Zugang zu Wissen, Information und Kommunikation. Doch während
in anderen Ländern der Welt der Staat dafür sorgt, dass die Bevölkerung
Zugang zum Internet erhält, bestraft er hier die, die anderen diesen
Zugang erst ermöglichen.
Natürlich ist ein WLAN kein
rechtsfreier Raum. Wer längere Zeit über den Zugang seines Nachbarn
illegale Daten versendet und empfängt, der kann natürlich auch
ermittelt werden, ist er doch ein Sender, der ebenso von den Behörden
empfangen und damit geortet werden kann - ganz besonders in einem
offenen Netzwerk.
Doch hier dachte man sich wohl, wozu den
Aufwand, wenn wir doch auch die Anschlusshalterin einfach haftbar
machen können. Die hat zwar vielleicht gar nichts Illegales getan, aber
immerhin hat sie nicht auf die Musikindutrie gehört und ihr Netzewerk
von einem Spezialisten dicht und damit für die anderen unbrauchbar
machen lassen.
Hier wird das Recht zu Unrecht !
Sicher
werden sich jetzt viele einschüchtern lassen und sich zwei Mal
überlegen, anderen ihren Anschluss zu Verfügung zu stellen. Aber so
kann und darf diese Geschichte nicht enden! Die hier erwähnte
Kriminalität (Filesharing!) ist nichts im Vergleich zu dem, was es
bedeutet, wenn Millionen Menschen keinen Zugang zu Wissen, Information
und Kommunikation haben.
Deshalb werde ich auch weiterhin Leuten
erklären, wie sie per WLAN Zugang zum Internet erhalten können und
Menschen dazu ermutigen, anderen Ihren Anschluss zur Verfügung zu
stellen. Ich tue das, damit die Welt ein bißchen gerechter wird - auch
in meiner Nachbarschaft, wo es immer noch für viele kein DSL gibt.
Heute war ich im Berliner Studio des RBB Inforadio. Leider war nur sehr wenig Zeit, deshalb war es auch nicht möglich ausführlicher über die Idee freier Netzwerke zu sprechen. Dennoch ist es ein gutes Zeichen, dass sich die Medien zunehmend für unsere Initiative interessieren. Es gibt ja auch noch eine Menge zu tun, bis man überall auf dem Globus freie Netze finden wird ;-). Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn auch andernorts mehr in den Medien über uns und unsere tolle Idee geschrieben und gesprochen werden würde. Wenn ihr selbst jemanden bei Film, Funk und Fernsehen bzw. einer Zeitung kennt, dann sprecht die Leute an, gebt Interviews und helft mit, dass noch mehr Menschen von unserer Initiative erfahren und sich am Aufbau und der Verbreitung freier Netze beteiligen. Hier der Link zum Interview.
Freies funknetzwerken und einen lieben Gruss!
"Ufo" schrieb auf der WLANnews-Mailingliste: Hier mal eine News von einem Freifunk-Projekt
von mir und einem Studienfreund: Das kleine Dorf in Brandenburg mit
zweistelliger Kilometer-Enfernung zu DSL-versorgtem Gebiet ist endlich
breitbandversorgt. Nach jahrelangem Basteln mit ISDN-Verbindungen (an UMTS ist
dort auch nicht zu denken) ist nun Schluss mit Lustig: Wir haben uns einen
Satelliten angemietet :-) http://gadow.freifunk.net
Das Freifunk-Netz existiert schon mehr als ein Jahr und bestand bisher schon
aus zehn Linksys WRT54GS-Geräten mit Außenantennen und versorgt die 1 km lange
Dorfstraße nahezu komplett mit WLAN.
Mit der Umstellung auf eine neue Firmwareversion (von 1.0.7 auf 1.2.5) klappt
es jetzt auch mit dem WLAN-DHCP. Aus einem neuen (in Leipzig getesteten),
vollständig genatteten Subnetz heraus kommt man mit Laptop oder Internet-Tablet
auf jeden Node im Dorf. Die Internetanbindung ist ein Angebot für 80 Euro im
Monat von der Telekom: TDSL via Sat ergab im ersten Test mehr als 50kbyte/s, in
den Abendstunden wird mittlerweile auch mal nur Modemgeschwindigkeit angezeigt.
Das Problem mit dem (kostenintensiven) Rückkanal löst die Telekom elegant: Die
ISDN-Flatrate für das eigene Kabel ist im Angebot inklusive.
Eigene Serverdienste, ein transparenter Proxy und die Webcam zur Hirschwiese
sind in Vorbereitung, allerdings fehlt es an geeigneter Hardware: Auf
herkömmliche, stromfressende PC-Server soll verzichtet werden. Hoffnung ist in
Sicht, zwei Asus WL-HDD 2.5 sind kürzlich online gegangen.
p.s. und wir haben einige falsche Antenneneinstellungen korrigiert, denn der
rechte (zu bevorzugende) Anschluss ist bei WRT54GS-Geräten unterschiedlich:
CGN10: B
CGN20: A
aktuelle GL-Geräte sind da einfach zu bedienen, dort ist es bisher immer A
gewesen. Es ist natürlich bitter, wenn man seit Monaten Außenantennen am Start hat
und dann erst merkt, dass das in der Firmware falsch eingestellt war. Naja,
jetzt ist das Meshnetz halt noch dichter als vorher vernetzt :-)
Und mir wurde gerade berichtet: Die Eingabe der jeweiligen Entfernungsangaben
in der Firmware-Verwaltung bringt auch nochmal einen guten Schub, gerade
bei den vielen längeren Verbindungen.
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